Bogenhausen im Mai: Straßen, die man kennen muss
- Die Möhlstraße bildet auf rund 800 Metern das Rückgrat des denkmalgeschützten Ensembles Altbogenhausen, mit rund 35 großbürgerlichen Villen aus den Jahren 1880 bis 1918.
- Die Mauerkircherstraße ist die Hauptachse des Herzogparks, ab 1904 von der Terraingesellschaft Herzogpark als geschlossene Villenkolonie erschlossen, jahrzehntelang über eine Schranke am Kufsteiner Platz gesichert.
- Die Pienzenauerstraße verläuft vom Kufsteiner Platz bis zur Oberföhringer Straße und gilt seit der Prinzregentenzeit als eine der diskretesten Wohnadressen Münchens.
Im Mai dauert das Abendlicht in Bogenhausen länger als anderswo in München. Es kriecht durch die alten Lindenkronen der Möhlstraße, legt sich auf die geschmiedeten Gartentore der Pienzenauerstraße und macht die Putzfassaden der Mauerkircherstraße noch wärmer im Ton. Drei Straßen, ein Mikrokosmos der besten Münchner Adressen.
Möhlstraße: Das Rückgrat von Altbogenhausen
Sie ist nicht lang, kaum 800 Meter. Aber sie ist die Straße, an der sich entscheidet, was Bogenhausen im Kern bedeutet. Vom Europaplatz unterhalb des Friedensengels führt die Möhlstraße nach Norden zur Montgelasstraße. Dazwischen reihen sich rund 35 Anwesen, fast alle aus den Jahren zwischen 1880 und 1918, viele unter Denkmalschutz, einige bis heute herrschaftlich bewohnt.
Benannt wurde sie 1894 nach Jakob Möhl, dem königlichen Hofgartendirektor, der nicht nur die nahegelegenen Maximiliansanlagen plante, sondern auch den sogenannten Möhlschen Plan vorlegte. Dieser Bebauungsplan zog ab 1892, dem Jahr der Eingemeindung Bogenhausens, die Linien für ein Villenquartier, das man im damaligen Sprachgebrauch nüchtern als „großbürgerlich" bezeichnete. Was hier in den folgenden Jahrzehnten entstand, war eine Versammlung von Industriellen, Verlegern, Brauereibesitzern, Professoren und Künstlern.
Die Pschorr-Villa auf Hausnummer 2, die palastartige Neubarockvilla des Kommerzienrats Hugo Kustermann auf Hausnummer 3 (Architekten Heilmann & Littmann, 1901/02), die Villa Kaufmann auf Nummer 21: Jede einzelne erzählt ein Kapitel Münchner Wirtschafts- und Kulturgeschichte. Heute residieren mehrere Generalkonsulate hier, darunter Italien in Nummer 3, das Vereinigte Königreich in Nummer 5 und Griechenland in Nummer 22. Eine Kinderkrippe der Israelitischen Kultusgemeinde hat in Nummer 14 ihren Sitz, wo zuvor jahrzehntelang die Sinai-Grundschule untergebracht war.
Im Mai zeigt sich die Möhlstraße in ihrer schönsten Stimmung. Die Vorgärten der Villen stehen in voller Blüte, die Kastanien und Linden überspannen den Straßenraum zu einem grünen Tunnel, und an warmen Abenden öffnen sich die hohen Fenster der Konsulate, hinter denen man manchmal Stimmen hört, die nicht Deutsch sprechen. Wer am Friedensengel steht und die Straße nach Norden blickt, sieht eine fast unveränderte Kulisse von vor hundert Jahren.
Mauerkircherstraße: Die Hauptachse des Herzogparks
Anders als die Möhlstraße ist die Mauerkircherstraße länger, gerader und in ihrer Architektursprache eine Spur jünger. Sie ist das Rückgrat des Herzogparks, jenes Quartiers nördlich der Montgelasstraße, das ab 1904 von der „Terrain-Aktiengesellschaft Bogenhausen-Gern in München" auf dem ehemaligen Park-Gelände des Schlösschens Stepperg erschlossen wurde. „Vornehmste Villenlage, 2 km vom Stadtzentrum" lautete der damalige Werbeslogan der Gesellschaft. Er gilt heute noch.
Die Straße trägt den Namen von Dr. Friedrich Mauerkircher, Bischof von Passau und Kanzler Herzog Georgs des Reichen von Bayern-Landshut, gestorben 1485. Verbunden mit der mittelalterlichen Landshuter Geschichte, hat sie als Adressbezeichnung Münchens prinzregentliche Aufbruchsstimmung gut überstanden.
Gebaut wurde hier ab 1906. Eines der ersten Häuser, das Eckhaus Nummer 2 von Max Langheinrich, beherbergte einst die Restauration „St. Franziskus" mit Bierstube, deren barockisierende Jugendstilfassade mit Jagdszenen-Reliefs bis heute den Straßenanfang markiert. Daneben die Mietshäuser von Max Neumann, das villenartige Walmdachhaus Nummer 1a, neoklassizistisch von Ludwig Grothe (1921/22), heute Generalkonsulat Ungarn, die schmalen Bürgersteige unter alten Bäumen.
Für lange Zeit war die Mauerkircherstraße die einzige Zufahrt in den Herzogpark. Am Kufsteiner Platz stand eine Schranke, deren Wärterhäuschen heute noch erhalten ist und mittlerweile ein Blumengeschäft beherbergt. Wer hineinwollte, brauchte einen Anwohnerausweis oder eine Einladung. Diese Geste der Abgeschiedenheit prägt das Viertel bis heute, auch wenn die Schranke längst Geschichte ist. 1907 wurde die Trambahnlinie 30 (heute Linie 18) bis zur Montgelasstraße verlängert und band den Herzogpark eng an die Stadtmitte an.
Pienzenauerstraße: Diskretion als Programm
Wer die Pienzenauerstraße zum ersten Mal sucht, findet sie nicht sofort. Sie verläuft im Herzogpark parallel zur Mauerkircherstraße, von der sie durch ein, zwei Querstraßen abgesetzt ist. Vom Kufsteiner Platz zieht sie sich nach Norden, kreuzt die Poschingerstraße und endet an der Oberföhringer Straße.
Benannt nach der Münchner Patrizierfamilie Pienzenau aus dem 14. und 15. Jahrhundert, lebt die Straße heute weniger von ihrer Namensgeschichte als von ihrem Charakter. Die Villen stehen meist hinter hohen Hecken, die Vorgärten sind sorgfältig gepflegt, ohne Effekthascherei. Wer hier wohnt, will nicht gesehen werden.
Eine Adresse, die gelegentlich genannt wird, ist Pienzenauerstraße 52, das sogenannte „Haus Tiefland" der Münchner Fotografenfamilie Hanfstaengl, lange ein Schauplatz Münchner Gesellschaftsgeschichte. Doch das ist die Ausnahme. Die Mehrzahl der Bewohner zieht es vor, namenlos zu bleiben. Wer durch die Pienzenauerstraße geht, bemerkt eher die Handwerker-Fahrzeuge vor den sanierten Anwesen als die Bewohner selbst.
Im Mai wirkt die Pienzenauerstraße fast ländlich. Wenn die Magnolien blühen und die ersten Rosen aufgehen, geht man hier seltener jemandem entgegen als in den verkehrsreicheren Querverbindungen. Die Geräusche der Stadt sind weit weg. Was bleibt, ist das Knirschen des Kieses, ein Hund hinter einem Zaun, eine Gartenschere.
Was diese drei Straßen verbindet
Drei Straßen, drei Geschichten, ein gemeinsamer Charakter: Bogenhausen funktioniert nicht als Boulevardquartier. Es funktioniert als Reihe diskreter, einander zugewandter Mikrolagen. Die Möhlstraße trägt die Geschichte, die Mauerkircherstraße die Achse, die Pienzenauerstraße die Stille. Wer eine Wohnung in einer dieser Straßen kauft, kauft nicht nur Quadratmeter. Er kauft den Kontext.
Architektonisch verbindet sie die Prägung durch die Jahre 1880 bis 1925, ein Zeitraum, in dem die Münchner Villenarchitektur zwischen Historismus, Jugendstil und früher Moderne pendelte. Heute schützt das Ensembledenkmalrecht den Charakter des Viertels: Wer hier neu bauen darf, muss sich den vorhandenen Maßstäben unterordnen. Das gilt für Traufhöhen, Dachformen, Fassadengliederung, Materialwahl. Auch für die Vorgartensituation. Wer im Herzogpark oder in Altbogenhausen ein Neubauprojekt realisiert, arbeitet zwischen sehr engen Leitplanken.
Wirtschaftlich verbindet die drei Straßen, dass sie zu jenen Münchner Lagen gehören, in denen Preise erstaunlich stabil bleiben, auch in Phasen, in denen andere Stadtteile schwanken. Diese Wertstabilität speist sich aus der knappen Verfügbarkeit. In allen drei Straßen wechseln Objekte selten den Besitzer. Wenn ein Anwesen auf den Markt kommt, geschieht das oft ohne Inserat, oft nicht einmal über einen Makler.
Was den Mai in Bogenhausen besonders macht
Es gibt Stadtviertel, die im Mai aufblühen wie alle anderen auch, und es gibt Bogenhausen. Die alten Lindenalleen entlang der Maximiliansanlagen, der Lufthauch von der Isar, das späte Abendlicht, das die Sandsteinfassaden goldwarm färbt: Wer in Bogenhausen einen Mai erlebt hat, versteht, warum Käufer hier oft Käufer fürs Leben werden.
Die Maximiliansanlagen, an deren Rand die Möhlstraße beginnt, sind im Mai vollständig in Blüte. Die alten Buchen werfen ihr erstes vollausgebildetes Laub, die Wiesen werden gemäht, die Brunnen rauschen. Wer von der Möhlstraße aus über den Friedensengel hinunter zur Isar geht, läuft durch einen englischen Landschaftspark in seiner schönsten Phase. Vom Hochufer aus reicht der Blick weit nach Süden, manchmal bis zur Alpenkette an klaren Tagen.
Im Herzogpark sind es weniger die offenen Parkflächen, mehr die privaten Gärten hinter den Villen, die den Mai bestimmen. Wer Glück hat, fängt durch ein offenes Tor einen Blick auf einen Springbrunnen, einen blühenden Glyzinienbogen, eine Steinbank unter einem Apfelbaum. Die Pienzenauerstraße und die Mauerkircherstraße sind im Mai vor allem das: ein Versprechen auf das, was hinter den Fassaden liegt.
Häufig gestellte Fragen
Welche Straße in Bogenhausen gilt als die historisch bedeutendste?
Die Möhlstraße. Sie ist das städtebauliche Rückgrat des denkmalgeschützten Ensembles Altbogenhausen und beheimatet bis heute mehrere Generalkonsulate sowie Villen, die einst Münchner Industriellen, Verlegern und Wissenschaftlern gehörten.
Wie unterscheidet sich der Herzogpark vom restlichen Bogenhausen?
Der Herzogpark wurde ab 1904 von einer Terraingesellschaft als geschlossenes Villenquartier auf einem ehemaligen Adelspark erschlossen und war bis ins 20. Jahrhundert hinein nur über die Mauerkircherstraße zugänglich, gesichert durch eine Schranke am Kufsteiner Platz. Diese Abgeschiedenheit prägt den Charakter bis heute.
Was zeichnet die Pienzenauerstraße im Vergleich zu anderen Bogenhausener Straßen aus?
Sie gilt als die diskreteste der drei Hauptachsen. Hohe Hecken, sorgfältig gepflegte Gärten ohne Repräsentationsdrang, viele namenlose Eigentümer. Wer hier wohnt, sucht meist gerade nicht die Aufmerksamkeit, die andere Toplagen ziehen.
Sind in der Möhlstraße noch private Wohnungen verfügbar?
Selten. Ein Großteil der historischen Villen ist im Eigentum derselben Familien oder Stiftungen geblieben, einige wurden in den vergangenen Jahrzehnten konsularisch genutzt. Wohnungen in der Möhlstraße wechseln daher meist diskret den Besitzer, oft ohne öffentliche Inseratsphase.
Drei Adressen, ein gemeinsamer Maßstab
Wer in Bogenhausen wohnt, sucht keine Lautstärke. Möhlstraße, Mauerkircherstraße und Pienzenauerstraße zeigen das auf je eigene Weise: die eine als historisches Zentrum, die zweite als Achse mit Schrankenwärter-Erinnerung, die dritte als ruhige Parallele. Im Mai treten diese Unterschiede besonders deutlich hervor. Wer hier ein Anwesen findet, findet nicht nur Wohnraum. Er findet eine Adresse, die ohne Erklärung auskommt.
Quellen
- Möhlstraße - NordOstKultur München
- Möhlstraße - Wikipedia
- Mauerkircherstraße - Wikipedia
- Mauerkircherstraße - NordOstKultur München
- Bogenhausen: Vom Pfarrdorf zum noblen Villenviertel - Mon Mag
- Bogenhausen - Wikipedia
- Pienzenauerstraße - stadtgeschichte-muenchen.de
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