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Haidhausen abseits der Touristenwege

  • Haidhausen, 808 erstmals erwähnt, war jahrhundertelang eine Vorstadt der Tagelöhner und Handwerker und galt bis in die 1970er Jahre als „Glasscherbenviertel“.
  • Vom alten Herbergsviertel zeugen noch Reste wie der Kriechbaumhof und das Üblacker-Häusl an der Preysingstraße, vom Aufschwung der Gründerzeit das Franzosenviertel mit Straßennamen aus dem Deutsch-Französischen Krieg.
  • Heute zählt Haidhausen zu den begehrtesten Wohnlagen Münchens; abseits der Ausgehmeilen liegen stille Wohnstraßen, Innenhöfe und Plätze.

Die meisten kennen Haidhausen von seinen Lokalen und vom Wiener Platz. Doch ein paar Straßen weiter beginnt ein stilleres Viertel: alte Herbergshäuschen, in denen einst Tagelöhner wohnten, das Franzosenviertel mit seinen Gründerzeitfassaden und ruhige Höfe, die kaum ein Tourist findet. Dieser Spaziergang führt durch das unbekanntere Haidhausen.

Vom Glasscherbenviertel zur gefragten Lage

Haidhausen ist älter als die Stadt, an die es heute grenzt. Schon 808 wird der Ort als „Heidhusir“ erwähnt, als Häuser auf der Heide, hoch über der Isar auf der östlichen Hochterrasse. Der lehmige Boden machte das Dorf jahrhundertelang zur Ziegelei Münchens; aus seinen Ziegeln entstanden Bauten wie die Frauenkirche und die Residenz. Wer hier lebte, war meist Handwerker, Ziegelarbeiter oder Tagelöhner, und Haidhausen blieb lange eine arme Vorstadt vor den Toren der Stadt. Im Sommer kamen italienische Saisonarbeiter zu Hunderten, um in den Ziegeleien zu schuften, und hausten in einfachsten Unterkünften. Das Dorf lag an alten Handelswegen, der Salzstraße aus dem Berchtesgadener Land und der Ausfallstraße nach Wien.

Bis in die 1970er Jahre galt der Stadtteil als „Glasscherbenviertel“, als Quartier der kleinen Leute. Erst mit der großen Sanierung in den 1970er und 1980er Jahren wandelte sich das Bild: Industrieanlagen wichen Wohnhäusern, Altbauten wurden saniert, der Gasteig, die Muffathalle und Galerien zogen ein. Aus dem Armenviertel wurde erst ein Szeneviertel und schließlich eine der gefragtesten Wohnlagen Münchens. Sichtbar geblieben ist die Geschichte trotzdem, man muss nur die Hauptstraßen verlassen. In den Seitenstraßen, Höfen und an einzelnen alten Häusern lässt sich das frühere Haidhausen noch lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch.

Das Herbergsviertel: Spuren der armen Vorstadt

Die ältesten Spuren findet man im einstigen Herbergsviertel. Herbergen waren einfache Häuser, in denen sich mehrere Familien das Dach teilten: unten ein Steinsockel, darüber Holz, der Brunnen im Hof. Eines der schönsten erhaltenen Beispiele ist der Kriechbaumhof an der Preysingstraße 71, ein rustikales Holzhaus, das schon im 18. Jahrhundert als Herberge für Zugereiste diente und aus vier Anwesen bestand. In den 1970er Jahren wurde es abgetragen und Jahre später originalgetreu wieder aufgebaut; heute nutzen es eine Hebammenpraxis und der Deutsche Alpenverein. Bezeichnend für die Vorstadt: Zwei Drittel der Herbergseigentümer waren einst Tagelöhner, Maurer und Zimmerleute, einfache Leute, die sich ein Haus nur zu mehreren leisten konnten.

Nur ein paar Schritte entfernt, an der Ecke Preysing- und Wolfgangstraße, steht das Üblacker-Häusl, ein rund zweihundert Jahre altes früheres Herbergsanwesen, in dem Tagelöhner Unterschlupf fanden und das zu bestimmten Zeiten auch von innen zu besichtigen ist. Die Preysingstraße selbst ist die am besten erhaltene Achse dieser alten Schicht, eine ruhige Wohnstraße mit kleinteiliger Altbausubstanz, in der man die Vorstadt von einst noch ahnt. Hygienisch waren diese Herbergen ein Elend, in Seuchenzeiten galten sie als Brutstätten von Krankheiten. Weitere Spuren finden sich im Grafenwinkel und in den Gassen unterhalb des einstigen Preysingschlosses, das an einer markanten Hangkante über dem Viertel liegt.

Das Franzosenviertel

Ganz anders der östliche Teil Haidhausens, das Franzosenviertel. Es entstand im späten 19. Jahrhundert nahe dem Ostbahnhof als dicht bebautes Gründerzeitquartier, und seine Straßen tragen Namen, die an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 erinnern: Orleansplatz und Orleansstraße, Pariser Platz, Bordeauxplatz, Sedanstraße und die Weißenburger Straße. Wer durch das Viertel geht, läuft so unversehens durch eine Landkarte des 19. Jahrhunderts. Auch die Metzstraße und die Lothringer Straße gehören zu dieser Erinnerungslandschaft, in der die städtische Galerie Lothringer13 längst zu einem Ort der Gegenwartskunst geworden ist.

Sein schönster Platz ist der Weißenburger Platz mit dem Glaspalast-Brunnen, einem Werk von August von Voit aus dem Jahr 1853, das ursprünglich im Münchner Glaspalast stand. Auch hier gilt: Die Hauptachsen kennt jeder, doch die ruhigen Seitenstraßen und die geschlossenen Innenhöfe der Blockrandbebauung sind die eigentliche Entdeckung. Dass viele der großzügigen Gründerzeitwohnungen einst an mehrere Familien zugleich vermietet wurden, gehört zur Vorgeschichte des „Glasscherbenviertels“. Ein geplanter Straßburger Platz im Nordosten wurde dagegen nie verwirklicht, hier weicht das Viertel von seiner sonst klaren Ordnung ab.

Stille Ecken, Höfe und Plätze

Das Reizvolle an Haidhausen liegt in seinen Übergängen. Zwischen den belebten Lokalmeilen finden sich überraschend stille Ecken: der grüne Bordeauxplatz mit seiner baumbestandenen Mitte, kleine Hofzufahrten, zurückgesetzte Hausgruppen, in denen die Zeit langsamer zu vergehen scheint als nur wenige Schritte weiter auf der belebten Straße. Haidhausen gilt vielen sogar als Geburtsort der Münchner Hofflohmärkte, bei denen sich an Sommerwochenenden die Innenhöfe für die Nachbarschaft öffnen. An solchen Tagen verwandelt sich das Viertel in einen großen, freundlichen Trödelmarkt, bei dem man von Hof zu Hof zieht und nebenbei in fremde Gärten und Hinterhäuser blickt.

Auch die Geschichte des Bieres hat hier ihre Spuren hinterlassen. Am Isarhochufer, im Gebiet des heutigen Gasteigs, kühlten um 1800 mehr als fünfzig Münchner Brauereien ihr Bier in Kellern, die in den Hang getrieben waren; der Name der Kellerstraße erinnert bis heute daran. Über vielen dieser Keller lagen Biergärten, eine Tradition, aus der das Münchner Biergartenwesen mit hervorging. Wer das weiß, sieht den heutigen Feierabend am Wasser mit anderen Augen.

Ein Dorf in der Stadt

Trotz aller Nähe zum Zentrum hat Haidhausen seinen dörflichen Kern bewahrt. Sein Mittelpunkt ist der Johannisplatz mit der neugotischen Pfarrkirche St. Johann Baptist, einem mächtigen Bau mit hohem Westturm, der über die Dächer des Viertels ragt. Ganz in der Nähe liegt die ältere, kleine Alte Haidhauser Kirche mit ihrem malerischen Friedhof, und dazwischen führen Gassen und Treppen, die eher an ein gewachsenes Dorf erinnern als an eine Großstadt. Gerade dieser alte Kern ist es, der Haidhausen von durchgeplanten Stadtvierteln unterscheidet.

Diese Mischung macht den Reiz aus: ein Viertel, das urban und doch überschaubar ist, mit kurzen Wegen, vertrauten Gesichtern und einer Geschichte, die an jeder Ecke greifbar wird. Wer in Haidhausen wohnt, lebt mitten in München und zugleich in einem Ort mit eigenem Charakter, der sich über mehr als tausend Jahre herausgebildet hat. Man kennt seinen Bäcker, grüßt die Nachbarn und ist doch in zehn Minuten am Marienplatz. Am Isarhochufer thront zudem das Maximilianeum, Sitz der gleichnamigen Stiftung und seit 1949 des Bayerischen Landtags, das wohl imposanteste Gebäude des Stadtteils.

Wandel mit Augenmaß

Der Weg vom Armenviertel zur gefragten Lage hat Haidhausen verändert, aber nicht entkernt. Anders als bei manch anderem Sanierungsgebiet blieb die kleinteilige Struktur weitgehend erhalten: enge Parzellen, niedrige Häuser neben Gründerzeitblöcken, Höfe und Gärten. Die Sanierung der 1970er und 1980er Jahre setzte bewusst auf Erhalt statt Abriss, und genau das gibt dem Viertel bis heute seinen Charakter, der sich von neueren, gleichförmigeren Quartieren deutlich abhebt.

Natürlich hat der Erfolg seinen Preis. Vieles, was früher der Alltag der kleinen Leute war, liegt heute hinter sanierten Fassaden, und die Nachfrage nach Wohnraum ist hoch. Doch im Vergleich zu rein neu gebauten Quartieren hat Haidhausen seine gewachsene Mischung bewahrt, ein Wert, der sich nicht herstellen, sondern nur erhalten lässt. Für die Bewohner bedeutet das ein Viertel mit Tiefe statt Kulisse.

Wohnen im stillen Haidhausen

Gerade die ruhigen Lagen abseits der Ausgehstraßen machen Haidhausen als Wohnort so begehrt. Hier hat man die Lokale, Märkte und Kulturhäuser in Gehweite und zugleich die Ruhe einer Wohnstraße, in der das alte Vorstadtdorf noch durchscheint. Es ist diese Doppelnatur, lebendig und still zugleich, die das Viertel von vielen anderen unterscheidet. Solche Lagen entstehen nicht am Reißbrett, sie wachsen über Generationen, und genau das macht sie so dauerhaft begehrt.

Genau in diesem ruhigen Haidhausen liegt unser Projekt am Johannisplatz, im Herzen des alten Viertels rund um St. Johann Baptist und nur wenige Schritte von den stillen Wohnstraßen entfernt. Wer es etwas weiter nördlich, ruhiger und grüner mag, findet im benachbarten Altbogenhausen mit dem Haus Königswiese eine Lage am Isarhang. Beide verbindet, was Haidhausen ausmacht: die Nähe zur Stadt und die Ruhe eines Viertels mit Geschichte.

Quellen

  1. Freunde Haidhausens, Die Geschichte von Haidhausen (Herbergsviertel, Kriechbaumhof)
  2. Landeshauptstadt München, Haidhausen: Wissenswertes (Glasscherbenviertel, Kellerstraße)
  3. Munich Jewels, Haidhausen Geschichte (Kriechbaumhof Preysingstraße 71, Üblacker-Häusl)
  4. München Tourismus, Stadtteil Haidhausen (Herbergshäuschen, dörflicher Charakter)
  5. Weißenburger Platz (Wikipedia): Glaspalast-Brunnen, August von Voit, 1853
  6. München Wiki, Franzosenviertel (Straßennamen, Deutsch-Französischer Krieg)
Michael Flörl

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