Türkenstraße: Eine Straße wie keine andere in München

  • Die Türkenstraße verläuft auf 1,3 Kilometern Länge von der Brienner Straße nach Norden bis zur Georgenstraße an der Grenze zu Schwabing und gilt als Hauptachse der Maxvorstadt.
  • Mit 32 eingetragenen Baudenkmälern, dem Museum Brandhorst, dem Türkentor und der Nähe zu Alter und Neuer Pinakothek sowie Pinakothek der Moderne ist sie eine der dichtest bespielten Kulturachsen Deutschlands.
  • Im Unterschied zu anderen Münchner Innenstadt-Lagen prägen lokale Läden, Cafés und Gastronomie das Bild, internationale Ketten bleiben weitgehend ausgespart.

Es gibt Straßen, die man in zwanzig Schritten verstanden hat, und es gibt die Türkenstraße. Eineinhalb Kilometer, drei Pinakotheken in Reichweite, zweiunddreißig Baudenkmäler, ein Türkentor, ein Alter Simpl, ein Mai-Nachmittag voller Café-Terrassen. Wer hier hingeht, geht nicht spazieren. Er liest eine Stadt.

Wie die Straße zu ihrem Namen kam

Der Türkengraben war ein Projekt des Kurfürsten Max Emanuel. 1704 ließ er einen Kanal ausheben, der die Residenz mit den Schlössern in Nymphenburg, Schleißheim und Dachau verbinden sollte. Die Bauarbeiten sollen, so will es die Legende, türkische Kriegsgefangene verrichtet haben, die Max Emanuel von seinen Feldzügen mitgebracht hatte. Historisch ist das umstritten, da die Gefangenen schon 1702 freigelassen wurden. Der Name aber blieb. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Graben zugeschüttet, doch die Straße, die früher daran entlanglief, heißt seit 1812 Türkenstraße.

Die ersten amtlichen Aufzeichnungen sprechen zunächst von einer „Florastraße" zwischen Brienner und Theresienstraße, danach von einer „Türkenstraße" zwischen Theresien- und der heutigen Schellingstraße. 1812 zog ein königliches Reskript Max I. Joseph diese Linien zusammen. Die Türkenstraße war damit eine der frühen amtlich benannten Straßen der noch jungen Maxvorstadt, jenes Viertels, das ab 1808 als bewusste Erweiterung Münchens über die alten Stadtmauern hinaus entstand.

Eine Kulturachse, wie sie kaum eine Stadt zweimal hat

Wer im Süden der Türkenstraße beginnt, an der Brienner Straße, steht zwischen dem Wittelsbacher-Palast und dem Künstlerlokal Alter Simpl. Wer im Norden ankommt, an der Georgenstraße, blickt auf die Akademie der Bildenden Künste. Dazwischen liegen, in Geh- oder Sichtweite: die Alte Pinakothek, die Neue Pinakothek, die Pinakothek der Moderne, das Museum Brandhorst, das Türkentor mit Walter De Marias roter Granitkugel im Innenraum, das Lenbachhaus etwas weiter westlich, die LMU im Norden, die TUM-Hauptliegenschaft im Süden.

Diese Verdichtung ist europaweit selten. In London, Paris oder Wien gibt es vergleichbare Kulturmeilen, aber sie sind länger, weiter gefasst, oft durch Verkehrsachsen unterbrochen. Die Türkenstraße bündelt all das auf eineinhalb Kilometern und in einem Stadtraum, der so begehbar bleibt wie ein Boulevard. Wer am Vormittag im Museum Brandhorst Cy Twombly betrachtet hat, sitzt am Nachmittag im Café Zeitgeist oder bei einem Espresso vor dem Café Puck, und am Abend in einer Bar in der Schellingstraße.

Das Museum Brandhorst in der Türkenstraße 19 zeigt Bestände aus der Sammlung von Anette und Udo Brandhorst, einer der bedeutendsten Privatsammlungen zur Kunst nach 1945. Schwerpunkt: Andy Warhol, Cy Twombly, Sigmar Polke, Damien Hirst. Das Gebäude von Sauerbruch Hutton, mit seiner Fassade aus 36 000 vertikalen Keramikstäben in 23 Farbtönen, ist seit seiner Eröffnung 2009 selbst zum Wahrzeichen geworden.

Was die Straße zum Lebensraum macht

Eine Kulturachse allein erklärt die Türkenstraße nicht. Was sie auszeichnet, ist die Mischung aus Hochkultur und Alltag. Während andere Münchner Magistralen längst von internationalen Ketten dominiert werden, leben hier Buchhandlungen, Schreibwarenläden, Familienkneipen, ein Eisenwarenhändler mit jahrzehntelanger Tradition.

Suckfüll an der Türkenstraße verkauft seit Generationen Werkzeug, Beschläge und Haushaltswaren. Der Türkenhof in der Nummer 78 ist ein Wirtshaus, in dem München noch München sein darf, mit Schweinsbraten und Hofbräu und einer Speisekarte, die niemand grundlegend ändern wollen würde. Der Alte Simpl, einst Stammlokal der Kabarettzeitschrift „Simplicissimus", erinnert an die Zeit, in der Schwabing-Maxvorstadt das Bohème-Zentrum Münchens war.

Daneben die Cafés, die das Bild der Straße im Frühjahr und Sommer prägen. Das Café Zeitgeist am Georg-Elser-Platz, das Café Puck weiter südlich, eine Reihe italienischer Espressobars, die in der Mittagszeit voll sind und am Abend wieder. Studenten der LMU und der TUM sitzen mit Laptops vor den Fenstern, Architekten beim Treffen mit Kunden, Galeristen auf der Wegstrecke zwischen ihrer Adresse und der nächsten Vernissage.

Das ist die Tonlage der Türkenstraße: städtisch ohne Hektik, kultiviert ohne Distanz, lebendig ohne Lärm.

Architektur: 32 Baudenkmäler auf 1,3 Kilometern

Die Maxvorstadt wurde ab 1808 nach einem klaren stadtplanerischen Konzept errichtet, einem der ersten in Deutschland überhaupt. Die Straßen sollten breit, die Häuserzeilen einheitlich, die Höhen abgestimmt sein. An der Türkenstraße ist dieses Erbe noch sichtbar, auch wenn manche Häuser in den 1960er und 1970er Jahren durch Neubauten ersetzt wurden.

Die meisten der erhaltenen Mietshäuser stammen aus dem 19. Jahrhundert. Sie zeigen Neubarock, Neurenaissance, einige Jugendstilelemente. Hohe Decken, stuckierte Fassaden, Innenhöfe mit Brunnen oder altem Baumbestand. Das Palais Dürckheim, ehemaliges Adelspalais und spätere Preußische Gesandtschaft, gehört zu den prominenten historischen Bauten der Straße. Das Türkentor, einst Portal der Türkenkaserne, steht heute solitär als Eingangsmotiv zum Areal zwischen Pinakothek der Moderne und Museum Brandhorst.

Der Bezirksausschuss Maxvorstadt hat in den vergangenen Jahren mehrfach gefordert, die Türkenstraße in ihrer Gesamtheit unter Ensembleschutz zu stellen. Hintergrund ist die Sorge, dass die Lückenbebauung und der Sanierungsdruck den Charakter weiter verändern könnten. Bis dahin schützen 32 einzelne Baudenkmäler die markantesten Adressen.

Wo die Straße ihren Höhepunkt erreicht

Der intensivste Abschnitt der Türkenstraße liegt zwischen der Theresienstraße und der Schellingstraße. Hier konzentriert sich, was die Straße ausmacht: Cafés in jeder zweiten Adresse, Galerien, kleine Boutiquen, das eine oder andere Antiquariat, die Kreuzungen mit der Schellingstraße und der Adalbertstraße als Drehkreuze des Maxvorstadt-Alltags.

Wer hier wohnt, lebt nur fünf Minuten von der Pinakothek der Moderne entfernt, drei Minuten vom Brandhorst, sechs Minuten von der U-Bahn-Station Universität. Wer im Norden wohnt, an der Akademie und Richtung Schwabing, ist näher am Englischen Garten und an den Gastronomien der Leopoldstraße. Wer im Süden wohnt, an der Brienner Straße, ist näher am Königsplatz, der LMU und der Maximilianstraße.

Diese Lagedifferenzierung erklärt, warum die Wohnungspreise in der Türkenstraße zu den höchsten der Innenstadt gehören. Maxvorstadt zählt seit Jahren zu den drei teuersten Münchner Wohnvierteln, und unter den Maxvorstadt-Adressen ist die Türkenstraße noch einmal besonders begehrt. Eine Wohnung hier zu finden, geschieht selten. Eine Wohnung in einem qualitätsvollen Neubau hier zu finden, geschieht noch seltener.

Die Türkenstraße im Mai

Im Mai zeigt sich die Türkenstraße in ihrer besten Form. Die Platanen entlang des Bürgersteigs treiben aus, die Cafés stellen ihre Tische nach draußen, die Studenten kommen aus den Hörsälen mit Eis in der Hand. An warmen Abenden füllt sich der Straßenraum bis zum Türkentor, und die Geräusche überlagern sich zu jenem mediterranen Klang, den Münchner Reiseschriftsteller gern „südlich" nennen, obwohl er einfach maxvorstädtisch ist.

Der Englische Garten ist zu Fuß in zehn Minuten erreicht. Wer in der Türkenstraße wohnt und Lust auf Wasser hat, ist am Eisbach. Wer Lust auf eine Lesung hat, ist im Lyrik Kabinett. Wer ins Konzert will, geht in den Gasteig oder ins Prinzregententheater. Drei Wege, drei Verkehrsmittel, eine Adresse.

Häufig gestellte Fragen

Wie lang ist die Türkenstraße und wo verläuft sie?

Die Türkenstraße ist 1,3 Kilometer lang. Sie verläuft von der Brienner Straße im Süden in nordöstlicher Richtung bis zur Georgenstraße an der Grenze zum Stadtteil Schwabing.

Welche bedeutenden Museen liegen an oder nahe der Türkenstraße?

Das Museum Brandhorst befindet sich direkt in der Türkenstraße. In wenigen Minuten zu Fuß erreichbar sind die Pinakothek der Moderne, die Alte Pinakothek und die Neue Pinakothek. Etwas weiter westlich liegt das Lenbachhaus.

Warum hat die Türkenstraße ihren Charakter so gut bewahrt?

Mehrere Faktoren: Sie liegt abseits der größten Verkehrsachsen, ihre Mietshäuser haben über Generationen denselben Eigentümern gehört, der Bezirksausschuss setzt sich aktiv für den Schutz des Ensembles ein, und die kulturelle Verdichtung hat eine spezifische Mieter- und Kundenstruktur angezogen, die ihrerseits ketteninvasive Tendenzen abwehrt.

Wie ist die Türkenstraße verkehrlich angebunden?

Die U-Bahn-Station Universität liegt in fünf bis sieben Minuten Fußweg, je nach Position in der Straße. Die Trambahnlinien an der Theresienstraße und die U-Bahn-Station Odeonsplatz sind ebenfalls fußläufig erreichbar. Für den Individualverkehr ist die Türkenstraße abschnittsweise Einbahnstraße.

Eine Straße, die ihre eigene Logik kennt

Die Türkenstraße folgt keinem Konzept. Sie ist gewachsen, hat sich gewandelt, hat einzelne Häuser verloren und neue gewonnen. Was bleibt, ist eine Tonlage, die in München eine Ausnahme ist: kulturell dicht, gastronomisch verzweigt, architektonisch noch immer ablesbar. Wer hier wohnt, wohnt nicht an einer Straße. Er wohnt an einer Erzählung. Im Mai erzählt sie sich besonders gut.

Quellen

  1. Türkenstraße (München) - Wikipedia
  2. Türkenstraße - stadtgeschichte-muenchen.de
  3. Türkenstraße - München Wiki
  4. Starke Strecke: Türkenstraße im Stadtteil Maxvorstadt
  5. Maxvorstadt: Kunst, Campus & Cafés
  6. München/Maxvorstadt - Wikivoyage

 

Mona Wiesek

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